Schon lange bevor das seit 1998 laufende Forschungsprojekt "Appenzeller Bauernhäuser" (siehe Kästchen) in Angriff genommen wurde, habe ich mich mit dem Gedanken befasst, anhand mir zur Verfügung stehender Unterlagen einen Beweis dafür zu erbringen, dass auch einfache Bauernhäuser - in meinem Fall - ein "Puure-Wertschäftli" nicht davon verschont sind, sich dem "Zeitgeist" oder einfacher ausgedrückt, den Bedürfnissen der Zeit anzupassen.Werfen wir zuerst einen Blick zurück in die Geschichte. Alexander Jsler, der 1923 aus Anlass der 200-jährigen Gedenkfeier der Gründung der Kirche und Gemeinde Bühler im Jahre 1723 die Festschrift verfasste, weiss folgendes zu berichten: "Wenige derer, die an sonnigen Tagen über die Bühlerer Wissegg gegen den Ebnet wandern, wissen, dass nur wenige Meter neben der heutigen Strasse einst ein Saumweg über die aussichtsreiche Anhöhe führte. Er gehörte zur alten Strasse, die das Kloster St.Gallen mit dem Rheintal, mit Chur und Italien verband. Sie ist noch heute bruchstückhaft erkennbar. Im kleinen Waldstück zwischen der erwähnten Strasse und derjenigen, die zum Gern führt, lässt eine schmale Terrasse den alten Weg ahnen. Und dort, wo die Weide beginnt, verweisen Steine unter der Grasnarbe auf den mittelalterlichen Pfad. Er führte am "Steinhüsli", einem der ältesten Gebäude im ganzen Kanton, vorbei. Der quadratische Bau steht etwa hundert Meter nördlich vom Gern. Die Grundform und die fast meterdicken Mauern deuten auf einen Turm, der im Mittelalter als Stützpunkt des Klosters am Saumweg stand. Die Anlage hatte ursprünglich eine eigene Zisterne, und im Keller rauchte die Esse eines Schmiedes. Er beschlug die Pferde der Boten und stellte wohl auch Waffen und Werkzeuge her. Den Weg werden aber nicht nur Soldaten und Meldeläufer, sondern auch Händler benutzt haben. Sie kehrten im Wirtshaus ein, das als ältestes Gewerbe auf Bühlerer Gemeindeboden 1315 auf der Wissegg bezeugt ist. Dort wohnte der Müller, der damals in der Chriegeren am Weissbach eine Mühle betrieb."

Die Abbildung (1) zeigt ein währschaftes Bauernhaus mit Stall noch ohne Anbau eines Saaltraktes auf der östlichen Seite. Wie spätere Zeichnungen oder fotografische Aufnahmen (2 und 3) belegen, wurde anfangs des 20. Jahrhunderts die Wirtschaft durch einen Saalanbau erweitert. Im erhöhten Erdgeschoss befanden sich (und befinden sich noch immer) zwei Stuben, die eigentliche Wirtsstube und die Nebenstube, wo sich ein Kachelofen befand, der diese beiden Stuben von etwa 17, resp. 15 m2 Grundfläche und einer Raumhöhe von kaum 1.90 m zu beheizen hatte. Die Erbauungszeit des Hauses lässt sich in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückdatieren. Näheres darüber ist schwierig zu erfahren, da die Gemeinde Bühler erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts über eigene Grundbücher verfügt. Was ich aber sicher weiss ist, dass meine Eltern - Konrad und Anna Bodenmann-Frischknecht - die Liegenschaft auf der Bühlerer Wissegg mit Haus, Stall und Saalanbau, samt Land für 3 ½ Kühe und einem Stück Wald im "oberen Stein" auf den 1. Mai 1930 von Christian Eisenhut käuflich erworben haben und meine Mutter daselbst bis zu ihrem Ableben 1964 dort gewirtet hat.

Staatsarchivar Peter Witschi:

Appenzeller Bauernhausforschung

Das seit 1998 laufende Forschungsprojekt "Appenzeller Bauernhäuser" gewinnt an Leben. Bereits liegen erste Texte zum Buch "Die Bauernhäuser beider Appenzell" vor, das Ende 2004 erscheinen soll. Abgeschlossen sind die historisch-landeskundliche Einführung von Achilles Weishaupt sowie das Kapitel "Alpwirtschaftliche Bauten" von Hans Eugster. Die Projektleiterin Isabell Hermann hat den umfangreichen Fachteil zur Konstruktion und Fassadengestaltung verfasst. Dieses informiert gut verständlich über Themen wie Blockbau, Dachform, Inschriften, Türen und Fenster. Bis Februar 2003 wird das umfangreiche Kapitel zur Wohnkultur fertig gestellt sein. Es befasst sich mit typischen Raumordnungen und Innenausstattungen. Im Zentrum steht dabei die Darstellung der Lebens- und Wohnverhältnisse in den Bauernhäusern. Aktuelle Fotografien von Mäddel Fuchs illustrieren lebensnah traditionelle Wohnkulturen der Regionen zwischen Säntis und Bodensee. Zusätzliche Einblicke bieten die Porträts ausgewählter Liegenschaften aus sechs Jahrhunderten, die sich auf detaillierte Bauaufnahmen und intensive Quellenforschungen abstützen. Zu rund 200 Seiten liegen Texte und Bilder vor, das halbe Buch ist aufbereitet.